Dark Forest
Startseite. Kari. Gästebuch. Abonnieren.
Therapie-Sitzung

Heute war dann also die Therapie-Sitzung, von der ich schon mal erzählt hatte. Ich bin etwas überwältigt von den vielen Informationen und der Tatsache, dass ich etwas verändern muss. Meine Therapeutin wirkt auf mich sehr freundlich und verständnisvoll, aber sie ist auch streng und gibt ihr bestes, um mich zu motivieren, damit ich positive Veränderungen mache.

Sie sagte, ich hätte dadurch nichts zu verlieren. Sie sagte, ich wäre schon so lange am kämpfen. Sie sagte, ich würde diesen Kampf irgendwann verlieren, wenn ich nichts verändere. Sie sagte, es sei an der Zeit, wirklich mit meiner Essstörung umzugehen und daran zu arbeiten. Sie sagte, wir sollen es langsam angehen und sie möchte auch, dass es meine Sache bleibt, damit ich weiterhin die Kontrolle habe und nicht das Gefühl habe, dass alles über meinen Kopf hin entschieden wird. Sie will, dass ich die Kontrolle habe, aber in einer gesünderen und weniger destruktiven Weise.

Sie hat mich dazu aufgefordert, meinen eigenen Ernährungsplan aufzuschreiben, inklusive der Kalorien, mit denen ich mich sicher fühle. Sie will mir dabei helfen, aufzuschreiben, was ich essen kann - nicht nur die Zahlen. Sie meinte, es sollen sechs Mahlzeiten am Tag sein, zwei davon Snacks, damit mein Blutzucker gleichmäßig bleibt. Sie meinte, es sei wichtig, alles in einer Reihenfolge zu machen, damit ich auch in der Agoraphobie Fortschritte machen kann. Es ist schwierig, sich der Agoraphobie auszusetzen, wenn ich die ganze Energie fürs Essen aufbringe.

Wenn/falls ich mich soweit fühle, könnten wir irgendwann Therapeuten hinzuziehen, die auf die Essstörung spezialisiert sind.

Sie hat mehrmals betont, dass alles langsam und nacheinander geschehen soll. Ihr Ziel ist nicht mein Gewicht, sondern dass ich gesündere Routinen entwickele, auf denen man dann aufbauen kann.

Sie will sich auch über eine Tagesklinik informieren, sodass ich zuerst tagsüber ein paar Tage in der Klinik bin. Darüber habe ich aber auch noch keine genaueren Informationen.

Das alles macht mir große Sorge. Ich habe lange nichts an meiner Essstörung gemacht. Ja, ich habe versucht, meine Bulimie in den Griff zu bekommen und daran arbeite ich auch weiterhin - meine Therapeutin unterstützt dies. Ich hatte einen Plan fürs "letzte Mal" aufgestellt, wovon ich ihr aber nicht genau erzählt habe, weil ich nicht glaube, dass sie das unterstützt. Sie meinte, in ZWEI JAHREN (!!!) wäre ich vielleicht kotzfrei, aber das will ich nicht akzeptieren. Ich will JETZT aufhören. Ich schätze, sie will mir sagen, dass es "okayer" ist, beim Kotzen rückfällig zu werden, als alte Wunden zu öffnen und mit der Selbstverletzung meine Emotionen zu verdecken. Das war vorher immer so. Wenn ich versucht habe, mit der Selbstverletzung aufzuhören, wurde meine Essstörung schlimmer. Und umgekehrt. Deshalb will sie es langsam angehen, damit ich nicht mit der Selbstverletzung rückfällig werde.

Meine größte Sorge ist, dass es schlimmer werden wird, bevor es besser wird. In einer kranken Weise fühle ich mich dazu berechtigt, dass meine Kämpfe schlimmer werden oder dass es mir selbst schlechter geht. Quasi so, dass es in Ordnung ist, Gewicht zu verlieren, weil das ein typischer Anfang ist und häufig so passiert. Ich habe Angst davor, dass es mir schlechter geht und dann nicht besser wird. Ich habe Angst davor, dass ich tiefer falle und nicht in der Lage bin, wieder aufzustehen. Ich habe Angst, angelogen zu werden - wenn ich falle, dass dann keiner da ist und mir hilft.

Es gibt so viele Dinge, über die ich nachdenken muss, und ich bin nicht sehr zuversichtlich, weil meine bisherigen Versuche nie Früchte getragen haben. Jedenfalls nicht über einen längeren Zeitraum hinweg.

Aber, wie sie auch gesagt hat - und da stimme ich ihr zu -, was hab ich schon zu verlieren? Ich habe Träume und ich weiß, dass ich die nicht erreichen werde, wenn sich nichts verändert. Woher weiß man, dass man eine Veränderung braucht? Frag dich, ob du glücklich bist. Wenn die Antwort "nein" lautet, musst du etwas ändern.

Gleichzeitig bin ich aber auch nicht bereit, meine Essstörung loszulassen. Meine Therapeutin meint, dass ich sie fürs erste "behalten" kann und dann langsam daran arbeite, sie loszulassen. Das Wort "recovery" ist sehr schwierig für mich, weil ich große Angst vor dem Versagen habe. Ich habe Angst, dass Leute mich anschauen und denken, dass ich ein Versager bin, weil ich es nicht stark genug versucht habe.

Irgendwo will ich gesünder werden, aber ich kenne nicht mein Ziel. Ich weiß nicht, was "gesund sein" bedeutet. Ich kenne kein normales Leben. Ich kenne lediglich meine jetzige Situation und weiß, dass sie mir keine Freude bringen wird.

Ich habe drei Möglichkeiten: sterben. so weitermachen - aber jeder weiß, dass ich irgendwann davon sterben werde und es bis dahin kein erfülltes Leben sein wird. Einen großen Sprung machen und gesund werden.

Ich denke immer "zum richtigen Zeitpunkt" und "jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt" und "Ich muss das zuerst machen" und "erst die Agoraphobie besiegen" oder sowas. Ich weiß, dass ich meine Zeit vergeude. Es wird sich nichts verändern, wenn ich mich nicht dahinter klemme. Wenn man sich einen Berg Steine anschaut, werden die sich nicht von A nach B bewegen, egal, wie stark man daran denkt. Die Steine müssen aufgehoben und bewegt werden. Oder ein Puzzle. Die Teile werden kein komplettes Bild ergeben, wenn man sie nicht an den richtigen Platz setzt.

Meine Therapeutin meinte, sie könne mir die Angst ansehen und sie verstehe auch, wie beängstigend es sein muss, wenn man alles umdrehen muss.

Ich weiß nicht, wie ich mich fühle. Betäubt und überwältigt.
Nächsten Donnerstag bin ich wieder bei ihr und bis dann soll ich meinen Ernährungsplan aufgestellt haben. Sie will nicht, dass er 2000 Kalorien umfasst. Er soll so viel umfassen, wie ich schaffe. Das ist die erste Herausforderung - soll ich ehrlich sein und ehrlich aufschreiben, wie viele Kalorien ich mir zutraue, oder soll ich lügen und weniger aufschreiben und somit quasi ihre "Erlaubnis" erhalten, weniger zu essen?

Sie meinte, was ich derzeit mache, sei ein Chaos. Im Wasser schwimmen, um nicht unterzugehen, aber keine Anstalten machen, zu Land zu kommen.

Ich weiß, ich habe nichts zu verlieren, aber es ist so ein großer Schritt, "ja" zur Recovery zu sagen. Es bedeutet so viel und das beängstigt mich ungemein.
26.9.13 16:04
 
Letzte Einträge: I can't win, 500


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen

_________________________________
Design // Host
Gratis bloggen bei
myblog.de